Montag, 15. Oktober 2012

Guter Rat - Notvorrat

Offensichtlich trage ich aus der Frühzeit der Menschheit noch Ängste mit, die heutzutage nicht mehr wirklich Existenz bedrohend sind:

Eine meiner größten Sorgen ist es zum Beispiel, ob und wann ich meine nächste Mahlzeit bekommen. Jetzt ist es nicht so, dass ich übermäßig viel esse oder übergewichtig bin, aber die Vorstellung nichts zu Essen zu haben, macht mich schon unruhig, bevor ich überhaupt Hunger verspüre. Sollte sich das Essen dann tatsächlich verzögern, bleibt man mir besser fern. Mit den Jahren habe ich leidlich gelernt damit umzugehen, und so werde ich umso stiller (und gereizter!) je hungriger ich werde.

Vielleicht haben meine Eltern mit ihrer bewusst gewaltfreien Erziehung zur Ausprägung dieser Besorgnisse beigetragen. Die größte je angedrohte Strafe, die mich meiner Erinnerung nach allerdings nie traf aber wie ein Damokles-Schwert über jedem ernsthaften Streit hing, war die Drohung, ohne Abendessen in das Bett geschickt zu werden. Vielleicht hat aber auch die "Aktion Eichhörnchen", die vor meiner Geburt, im Jahr 1961 vom Bundesernährungsministerium ins Leben gerufene Initiative, die Privathaushalte zum Anlegen eines Nahrungsmittel-Notvorrats bewegen sollte, bei mir bleibende Schäden hinterlassen. 

Wie auch immer, als kluge Idee schien mir damals, ein kleines Depot anzulegen.

Wenn also Gäste zu Besuch kamen und uns fünf Geschwistern Schokoriegel, eine Tüte Bonbons oder Gummibärchen mitbrachten, wurde diese in fünf Häufchen aufgeteilt und die mir zugeteilte Ration verschwand in einer umfunktionierten orange/gelb/braunen Tchibo-Kaffevorratsdose mit Plexiglas-Sichtfenster. Mit der Zeit waren zwei Dosen gefüllt und gleichzeitig mein Geheimversteck unter den Geschwistern bekannt. Das Ergebnis kann sich jeder denken, ich steckte bei jeder sich bietenden Gelegenheit mehr hinein und etwa mit der gleichen Geschwindigkeit verschwanden die alten Reserven. Da die Höhe des Lagerbestands in etwa gleich blieb, störte mich dieser Umstand nicht, schließlich schmeckten mir zu Stein gewordene Gummibärchen und Schokolade, die zulange neben Kaugummistreifen lag sowieso nicht mehr.

Wenn ich mich heute für längere Reisen organisiere, steht die Verpflegung immer noch an oberster Stelle. Bei einer Autofahrt gilt die Regel: pro angefangener 100 Kilometer eine Portion, bei mehreren Stunden dauernden Zugfahrten packe ich umfassender ein: etwas zu trinken, Obst, Süßes und eine Tüte Chips. Damit bin ich für einen überschaubaren Zeitraum überlebensfähig und kann auch verschiedensten Gefahrensituationen mit klarem Kopf entgegentreten.

Im vergangenen Jahr traf ich mich in München mit Freunden aus dem Studium und wir verabredeten uns für den Abend zum gemeinsamen Kochen. Die Zutaten sollten getrennt voneinander gekauft werden und um 19:00 Uhr war verabredeter Treffpunkt in der Wohnung der Münchnerin. Pünktlich um 18:55 trafen wir uns vor der Haustür, klingelten und schleppten die Tüten in das Haus. Da sich die Wohnung in der zweiten Etage befand und die Tüten samt Getränken schwer und schwerer schienen, riefen wir den Aufzug und staunten nicht schlecht, wie winzig dieser war. Rückblickend würde sagen, trotz verspiegelter Wände, die dem Aufzugfahrer ein Gefühl von unendlicher Weite versuchten zu vermitteln, betrug die Grundfläche  nicht mehr als ca. 1 m².

Mit viel gutem Willen und noch mehr guter Laune stiegen wir zu fünf Erwachsenen mit dicken Winterjacken in den Aufzug und drückten auf die "2". Die Tür schloss sich und noch beim Anfahren sah ich aus den Augenwinkeln das Schild:

Aufzug max. 4 Personen.

Natürlich blieben wir stecken und natürlich brauchte der Aufzug-Service eine gefühlte Ewigkeit von einer halben Stunde, bevor wir befreit wurden. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass ich in meiner Vorratshaltung bestätigt wurde und die Stimmung nur Dank des mitgeführten Proviants, insbesondere wohl wegen des Weins, bis zu unserer Rettung aus dem "Gefängnis" grandios war.

Deshalb:
" Denk daran, schaff Vorrat an!"

Donnerstag, 4. Oktober 2012

Joggen für Anfänger



Seit Frühjahr diesen Jahres jogge ich. Kunststück, werden Sie denken, das mach ich doch schon seit Langem. Das glaube ich Ihnen, tatsächlich ist seit den Siebzigern, als sich diese Sportart magischer Weise vom einfachen Dauerlauf in einen stylischen Outdoor-Sport verwandelte, die Zahl der Jogger um ein vielfaches gestiegen und die einem auf Schritt und Tritt begegenden Läufer sind inzwischen das herumlaufende schlechte Gewissen der Nichtläufer.

Aber ich komme aus dem Münsterland und bin deshalb schon genetisch nicht darauf programmiert, längere Strecken laufend zu überwinden. Im Münsterland bezwingt man Strecken über 50 Meter nicht zu Fuß sondern Fahrrad fahrend. Warum, in aller Welt, soll ich auch für den Weg zu einem beispielsweise zwei Kilometer entfernten Ziel eine viertel Stunde einplanen, wenn ich dasselbe Ergebnis auch in fünf Minuten erzielen kann. Sollten Anstiege auf der Strecke liegen, im Münsterland sicherlich nur eingeschränkt vorhanden, mag die Fahrt in einer Richtung zwar mit leicht erhöhter Anstrengung verbunden sein, ist aber schon durch die Vorstellung auf das mühelose Dahinrollen auf der Abwärtsstrecke jede Mühe wert.

Mittlerweile habe ich aber gelernt, dass der Körper nur durch Bewegung beweglich gehalten werden kann, hört, hört, welch Aphorismus! Deshalb habe ich mir ein paar Turnschuhe gekauft, meine alten Sportsachen ganz hinten aus dem Schrank gekramt und damit gestartet, den allmorgendlichen Brötchenkauf mit einer Runde Laufen zu kombinieren.

Ich staune, wie viele Laufkollegen ich morgens antreffe, die statt im gemütlichen Bett zu bleiben, sich wie ich aus den warmen Decken quälen und in Dunkelheit eine Fitnesseinheit absolvieren.

Trainingsziel und größte Motivation weiter zu machen, ist der stattfindende Stadtlauf in 14 Tagen, an dem ich meiner Freundin die Teilnahme am 5 Kilometerlauf zugesagt habe und mich nicht vollends blamieren möchte. Schließlich beginnt 45 Min. nach meiner Startzeit der Lauf über 10 Kilometer, spätestens dann muss ich da sein, egal wie!

Dank der modernen Technik habe ich nun ein Trainingsprogramm auf meinem Smartphone, das mich nicht nur lobt und motiviert, wenn ich mehr als zwei Trainingseinheiten pro Woche absolviert habe und mir jeden Kilometer den aktuellen Zwischenstand meldet, sondern auch selbstständig aktiv wird und mich zwischendurch, quasi aus dem Nichts heraus, in Angst und Schrecken versetzt, weil plötzlicher Applaus verbunden mit Anfeuerungsrufen einsetzt.

Mithilfe der Zusatzoption "automatisches Beenden", die die Zeitmessung unmittelbar unterbricht, sobald das GPS-Signal keine messbare Veränderung mehr sendet, verliere ich bei (un-)freiwilligen Pausen, bspw. vor roten Ampeln oder wenn ich kurz vor dem Zusammenbruch bin, nicht einmal mehr wertvolle Sekunden, sondern erhalte als Ergebnis die "phantastische" Nettozeit von ca. 33 Minuten.

Bei meinem letzten Lauf hat mir das Programm allerdings mehr als deutlich meinen nur kläglichen Trainingszustand vor Augen geführt, als ich den abschließenden Anstieg mit all meiner verfügbaren Kraft, hochrotem Kopf, schnaufend und den Blick starr auf den Boden gerichtet, bezwang und unvermittelt die Ansage kam:

"Aktivität wurde automatisch pausiert". 

Dienstag, 2. Oktober 2012

In der Ruhe liegt die Kraft

Im geschäftlichen Umgang mit Monopolisten muss man sich mit Unbequemlichkeiten arrangieren, auch wenn man glaubt, dass das Mantra der Kundenorientierung auch die letzte Unternehmensstrategie erreicht hat. Aber Papier ist eben geduldig und die Umsetzung fällt schwer. 

Zum Beispiel ist der Einkauf von Briefmarken mit größeren Hürden verbunden als es das Ergebnis rechtfertigt. Jedes Mal wenn ich in der langen Schlange stehe, kann ich sicher sein, dass sich diese ganz munter vorwärts bewegt, bis ich kurz davor bin, an der Reihe zu sein. Schon wenn ich jemanden vor mir mit dem gefürchteten gelben Abholzettel sehe, schicke ich ein kurzes Stoßgebet gen Himmel, dass der bemühte Post-Schalterbeamte das Päckchen vor einer viertel Stunde aus dem offenbar optimierungsfähigen Hinterraum hervorzaubert. 


Schlimmer als das sind die Bankgeschäfte, die vorzugsweise von Kunden nach Erreichen der Pensionsgrenze aus alter Tradition bei der Post getätigt werden. Auch Mitbürger mit Migrationshintergrund und zum Teil nicht verhandlungssicheren Sprachkenntnissen schätzen die staatenübergreifenden Möglichkeiten der Postbank. Beiden gemeinsam ist die Tatsache, dass eine Beratung sich über einen Zeitraum hinzieht, in dem ich eine ganze Rolle Briefmarken kaufen und verkleben könnte.

Die am meisten gefürchteten Kunden sind mir aber diejenigen, die ganz harmlos scheinen und vielleicht auch nur Briefmarken kaufen wollen. Zum Abschluss des zweiminütigen Handelsgeschäfts fragt der, wohl von Provisionen geleitete Beamte nach dem Interesse an einem Stromanbieterwechsel und das war´s dann mit meiner Mittagpause.

Ähnliche Erlebnisse kann man bei dem Kauf von Fahrkarten der Deutschen Bahn sammeln, weshalb ich, seitdem es möglich ist, die Situation versuche zu vermeiden, indem ich das Online-Angebot der Bahn nutze. Wenn ich alleine reise, schätze ich die Bahn als Alternative zum Auto. Gerne setze ich mich mit einem Buch, einer aktuellen Zeitung, einem im Bahnhof gekauften, frischen Gebäckstück auf meinen Platz und lasse mir einen heißen Kaffee bringen (bei den Ansprüchen an die Qualität des Kaffees bin ich großzügig, es geht mir mehr um das Ambiente). Bei besonders langen Fahrten, gehe ich gerne auch mal zum Café und zurück.

Im Sommer hatte ich eine kurze Städtereise von Frankfurt nach Prag geplant. Die angebotene Fahrt mit einem Gruppenreisebus wollte ich allerdings vermeiden. Neben der Vorstellung von den Platzreihen, die enger aneinander stehen als in einem Ryan-Air-Flugzeug, der Lautstärke von Belanglosigkeiten schwätzenden Nachbarn, und den ständigen Pausen auf dreckigen Rastplätzen erschien mir eine Zugreise mit dem ICE schon an sich wie ein Wellness-Urlaub.

Da ich nicht wirklich oft mit der Bahn fahre, aber regelmäßig online buche, fühlte ich mich sicher, das auch schnell mal zwischendurch zu erledigen. Kein Problem, ich wusste ungefähr, wann ich ankommen und wieder zurückfahren wollte, ein klarer Fall für ein Online-Ticket, das frühzeitig gebucht, auch preislich unschlagbar ist. Starteingabe, Zieleingabe, Datum, Uhrzeit, alles schnell erledigt. Das Angebot, einmal in Nürnberg umzusteigen hielt ich für vertretbar, Reservierung für eine Person? Nein, danke, nicht nötig. Gerne Abteil mit Handyanschluss.

Die Rückmeldung kam so prompt wie unerwartet, ab Nürnberg bis Prag ist eine Reservierung verpflichtend. Na gut, auch wenn ich das für eine Person für übervorsichtig halte, folgte ich der Aufforderung und bat um eine Reservierung, wer weiß, was die tschechische Bahn für Anforderungen an die ICE-Verbindung, also die schnellsten unter den Zügen hatte. Da ich mich bei der Buchung etwas in Eile befand, bestätigte ich auch die Option "Großraumabteil", dabei immer mit dem guten Gefühl, wieder ein offenes To-Do erledigt zu haben.

Beim Ausdruck des Tickets, einige Tage später, wurde mir alles klar:

Es gibt gar keine ICE-Bahnverbindung nach Prag! Ich hatte den ICE-Express-Bus der Bahn gebucht : /


Zur Ehrenrettung der Bahn sei angefügt, dass der Bus sehr großzügig bestuhlt war und kaum belegt, sodass jeder Fahrgast einen Doppelsitz belegen konnte und sich Gespräche schon alleine durch die fehlenden Nachbarn ausschlossen. Durch eine On-Board-Hygiene-Zelle, zu der ich mangels Zutrauen nichts sagen kann, wurde auf der gesamten Fahrt kein Zwischenstopp eingelegt. Während der Fahrt kam die Busbegleiterin und fragte mehrmals nach Wünschen, sodass ich auch einen Kaffee zu mir nehmen konnte, der den Vergleich mit den Getränken aus den Zügen nicht scheuen musste, er war ebenso schlecht.
 

Freitag, 28. September 2012

g(B)esinnungslose Trauung




Es gibt Situationen im Leben, da muss man sich entscheiden. Die Vermählung ist Inbegriff eines solchen Zeitpunkts mit binärer Entscheidungsstruktur, ja oder nein?

Die Ausgestaltung derselben bietet aber ein Füllhorn an Möglichkeiten. Neben der obligatorischen, standesamtlichen Trauung kann eine religiöse Vermählung, in unserer Kultur, in der Regel evangelisch oder katholisch angeschlossen werden oder auch nicht. Jetzt ist heutzutage der Trend erkennbar, alles haben zu wollen, auch wenn die persönlichen Überzeugungen nicht ganz mit den Inhalten im Einklang stehen. Standesamtliche Trauung mit der ganz großen Nummer in der Kirche, aber das ganze bitte ohne Religion. Geht das? Ja, mithilfe der konfessionslossen Trauung, zu der sich das Brautpaar eine schöne (neudeutsch) Location und einen ihnen genehmen Hochzeitsredner aussucht.

Am vergangenen Wochenende hatte ich das Vergnügen, diesbezüglich eine weitere Bildungslücke zu schließen und an solch einer Feier teilzunehmen.

Der Beginn war identisch mit dem einer kirchlichen Trauung mit Orgelspiel, dem Einzug des Bräutigams und der Trauzeugen. Als Krönung erschien der Brautvater, der seine wunderschöne, in einem langen, prächtigen, weißen Kleid gekleidete Tochter zum Altar - halt! Natürlich nicht zum Altar, sondern nach vorne zum Bräutigam führte. In diesem Moment standen den geneigten Hochzeitsgästen bereits erste Tränen in den Augen, ach, wie schöööön.

Und dann? Auf die Bühne, ja so ist es am besten beschrieben, trat ein sonoriger Herr mit einer Kladde in der Hand, der sich selber als eine Mischung zwischen Dr. Hirschhausen, Thomas Gottschalk, und Froonk, dem Weddingplaner inszenierte. Nach einigen salbungsvollen Worten stellte er den Hochzeitsgästen das Brautpaar vor, nicht ohne vorher launig in die Runde zu fragen, wer von den Gästen das Brautpaar nicht kenne. Offensichtlich waren alle den beiden oder mindestens einem persönlich bekannt, so dass sich keiner meldete. Das hielt den Hochzeitsredner aber nicht davon ab, seine ihm offensichtlich von der Familie, Freunden oder dem Brautpaar selber zugesteckten Informationen über die beiden Hauptpersonen dem allgemeinen Publikum anzuvertrauen und so staunte ich nicht schlecht, dass in diesem feierlichen Rahmen Details über das Brautpaar ausgeplaudert wurden, die ich sonst nur in der zur späteren Stunde ausgeteilten Hochzeitszeitung erwartet hätte.

Nach einer gesanglichen Einlage aus dem Freundeskreis hob der Festredner zu seiner zweiten Etappe an. Thema des Vortrags war die Reise des Lebens, die die beiden schon zu einem Teil gemeinsam verbracht haben. Mir stellte sich aber die ganze Zeit die Frage: muss ich als Gast wirklich in Original-Zitaten erfahren, wer zuerst geküsst hat (er) und ob es gut war (ja)? Wenn der erste Teil zur Auflockerung der Stimmung zwischen Vorspeise und Hauptgang vorgetragen und mit viel Applaus bedacht worden wär, dann hätte dieser Teil sehr gut zwischen Hauptgang und Dessert gepasst.

Jetzt dachte ich, nach einer halben Stunde, die wir dem humorigen Herrn zuhören durften, wären wir bald an das Ende der Veranstaltung gekommen, sah mich aber getäuscht. Ab diesem Zeitpunkt  wechselte der Ersatz-Pfarrer das Fach und wurde ernsthaft und würdevoll (soweit es ihm möglich war). Für die Gäste war es nicht leicht, diesen abrupten Wechsel im gleichen Tempo mitzugehen, die eine Hälfte der Gäste war eben bestens amüsiert, der anderen steckte das Lachen noch im Hals. Vor der eigentlichen Trauungszeremonie mit dem obligatorischen, weil so schön symbolischen, Wechseln der Ringe und dem "Ja-Wort" gab es erneute musikalische Untermalung, die der Referent, schlau wie er war, dazu nutzte, von seiner erhobenen Perspektive mit seiner aus seinem Gewand gezauberten Kamera Fotos des Publikums zu machen, um dem Brautpaar das Hochzeits-Erinnerungsalbum zu füllen.

Es folgte die Trauungszeremonie, die bar jedweder juristischen oder kirchlichen Legitimation eine hübsche Geste war - aber mehr auch nicht. Schließlich, und das brachte mich vollends durcheinander (waren wir nicht aus Überzeugung des Brautpaares in einer nicht-kirchlichen Veranstaltung?) wurde von dem Orator ein von mir nicht näher einzuordnender Segen Gottes ausgesprochen. Immer mit dem Hinweis versehen: jedem nach seinem Glauben. Nach dem Showteil der ersten halben Stunde hatte der "Pfarrer-Look-Alike" jedoch all mein Vertrauen verspielt. Das nicht ahnend und zugleich für ihn wohl auch ohne Belang, schwang er sich jetzt zu schier unerreichbaren Höhen der Spiritualität auf und versuchte, die verblüffte Gemeinde zu einem gemeinsamen "Vater Unser" mitzureißen, dass gleichzeitig den Abschluss der Veranstaltung darstellte.

Privileg des Trauenden ist es, dem Brautpaar als Erster zu gratulieren, schon weil kein anderer nah genug dran ist, und so gratulierte der Zeremonienmeister nach dem sehr weihevoll vorgetragenen "Vater Unser" der Braut und anschließend dem Bräutigam,  verbunden mit einem geschmacklosen Kommentar und einem anzüglichen Augenzwinkern in Richtung Braut, schlug er dem Bräutigam jovial auf die Schulter: "Good choice!"


 

Sonntag, 23. September 2012

Don Quichotte des Büros



Es gibt manche Dinge im Leben, die kann man ändern, andere scheinen wie in Stein gemeißelt.

Etwas was sich ständig ändert ist zum Beispiel die Sortierung in dem Supermarkt, in dem ich gewöhnlich einkaufe. Sobald ich mir die Lage der winzigen, kleinen Frischhefepäckchen gemerkt habe, kann ich sicher sein, dauert es nicht mehr lange, bis diese nicht mehr neben der Milch, sondern ab sofort neben der Butter / über dem Joghurt / hinter dem Frischkäse / vor der Sahne … platziert wird und ich eine gefühlte Ewigkeit suchen muss, weil das Personal, das ich fragen könnte, eingespart, krank oder bei der Flaschenannahme beschäftigt ist.

Für die zweite Kategorie der scheinbar unveränderlichen Tatsachen, denke man nur daran, wie das Wetter jedes Jahr im Sommer pünktlich zum ersten Ferientag der Schulferien die Tatsache bestätigt, dass Deutschland in einer Region der Sommerregenzeit liegt. Da ist nichts dran zu machen, wochenlang vorher kann es noch so schön sein. Vielleicht hat hier die Lobby der Reisebürobesitzer gemeinsam mit der FDP auch ganze Arbeit geleistet.

In einem mir nahen Umfeld versuche ich nach zwei Jahren unermüdlichen Korrigierens eine Gewohnheit zu ändern und scheine dabei jedoch gegen Windmühlen zu kämpfen: In dem Büro, in dem ich arbeite gibt es an mehreren Stellen Teeküchen, die hauptsächlich dazu dienen, frisches Obst zu waschen, den Kühlschrank mit Lebensmitteln zu befüllen und diese erst nach Haarwuchs auf denselben von anderen wieder entnehmen zu lassen und natürlich zum Tee- und Kaffeekochen. Als Service befindet sich in jeder dieser Küchen eine Spülmaschine, die das auf der Spülmaschine abgestellte dreckige Geschirr und Besteck spülen könnte. Das Einräumen, könnte man den Kollegen noch zumuten, zum Ausräumen hat die Firma aber Personal angestellt, die sich insgesamt um die Reinhaltung des Gebäudes kümmern.

Um mein Problem zu schildern, muss ich etwas ausholen: die vorhandene Spülmaschine hat einen Besteckkorb, der quer über der Tellerablage einzusetzen ist. Nur dann ist der Korb auch wirklich vorne, direkt hinter der Tür. Das Reinigungspersonal räumt jetzt Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat und Jahr für Jahr die Spülmaschine aus und setzt den Korb parallel zur Tellerablage so ein, dass der Korb in der Mitte der unteren Schublade positioniert ist und quasi verschwindet, wenn man die Tür nicht bis zum Boden öffnet und die Schublade herauszieht.

richtig: ü                                                 falsch: Ð

 

Wenn ich mich selber einordnen müsste, würde ich sagen: ich bin ein Accessoire-Typ. Ohne Ketten oder Tücher/Schals, am liebsten beides gehe ich nicht aus dem Haus. Wenn ich jetzt im Büro auch nur einen Löffel oder ein Messer in die Spülmaschine räume, hängt regelmäßig meine Kette, mein Tuch oder mein Schal in dem dreckigen Geschirr der lieben Kollegen, oder ich halte mit einer Hand all die gefährdeten Dinge zurück und schon fehlt mir eine Hand, um die Schublade herauszuziehen, das Besteck in den Korb zu stecken und den Teller einzuräumen. Es nervt!

Seit Tagen, Wochen, Monaten und mittlerweile zwei Jahren setze ich nun den Korb an die richtige Position, immer in der Hoffnung, dass das Personal, das die Spülmaschine im frühen Morgengrauen, wenn ich noch nicht da bin, ausräumt, es irgendwann übernimmt und den Korb auch wieder in der dafür vorgesehenen Weise wieder einsetzt. Noch nie ist das passiert!

Glauben Sie mir, geschätzte Leserschaft, irgendwann stelle ich den Wecker auf fünf Uhr morgens und liege im Büro auf der Lauer, nur um der Dame / dem Herrn das Körbchen um den schmalen Hals zu wickeln und es anschließend mit Sekundenkleber an die richtige Position in der Spülmaschine zu kleben!

Aber andererseits: um so früh aufzustehen, war ich bisher immer noch zu müde.


Freitag, 21. September 2012

Geschichten unter Freunden


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Politische Bildung
(3. September 2012)


Ich bin ein positiv denkender Mensch, und so bin ich zum Beispiel davon überzeugt, dass jeder Mensch morgens aufsteht und GUT sein will. Natürlich will ich nicht leugnen, dass die persönliche Definition von GUT sehr subjektiv ist und sich nicht alle ihr anschließen können, aber ich bin überzeugt, dass der größte Teil der Menschen durch sein Handeln Bestätigung  und Anerkennung von ihm/ihr wichtigen Bezugspersonen sucht.

Kinder sind hierum besonders bemüht, weil ihr Leben davon auch in starkem Maß abhängig ist, da geht um kleine „goodies“ zwischendurch, wie Süßigkeiten, ein paar Euro extra oder neue Sport- oder Schulartikel, die zwar völlig überflüssig aber so schön sind. Besonders geht es aber um die Liebe, Zuneigung, Akzeptanz der Eltern, Freunde, Lehrer (die Bedeutung der Gruppen wechselt mit zunehmendem Alter).

So hatte gestern unsere jüngere Tochter (14) keinen guten Start in den Tag. Die Hausaufgaben für ihren Lateinunterricht, die sie – aus gutem Grund – mit einem Nachhilfelehrer gemeinsam überprüft, waren wegen einer Krankheit desselben nicht qualitätsgesichert. Ihre Erfahrung hat sie nun aber gelehrt, dass sie in der Schule mit einer falschen Meldung ihre Note deutlich negativ beeinflusst und sich darum lieber gar nicht meldet. Nachdem der Nachhilfeunterricht die zweite Woche ausfiel und sie sich nun länger nicht mehr wie gewohnt am Unterricht beteiligte, fiel das dem (aufmerksamen) Lehrer auf, der unsere Tochter beiseite nahm und fragte, ob alles in Ordnung sei. Er machte sich offenbar um das Seelenheil unserer Tochter Sorgen, vermutet u. U. häusliche Schwierigkeiten oder Liebeskummer, die wahren Hintergründe konnte B. aber nicht aufklären und so schob sie in der letzten Stunde nebulöse Kopfschmerzen vor, hatte für die Stunde des kommenden Tages aber keine plausible Ausrede parat.

Das zweite Schulfach, das ihr Sorgen bereitete war PoWi (Erläuterung für die nicht von Schule betroffenen: Politik und Wirtschaft). Ihr in diesem Schuljahr neuer Lehrer hat den Schülern die Aufgabe gegeben, sich zu jeder PoWi-Stunde, die einmal wöchentlich stattfindet, vorzubereiten, indem sie vier Nachrichten mit politischer oder wirtschaftlicher Relevanz vortragen und erläutern können. Ich würde sagen, dass wir im Familienkreis nicht ständig politisieren, aber wir haben das Privileg, annähernd jeden Abend gemeinsam zu essen und sprechen über viele, breit gestreute Themen. Unsere ältere Tochter (17) macht im kommenden Jahr Abitur und ist mittlerweile ein anregender Gesprächspartner. So haben wir vor ca. 14 Tagen über Themen der deutschen Politik gesprochen und dabei die scheinbar völlig ahnungslose jüngere Schwester mit einer der einfacheren Fragen konfrontiert: „Wie heißt der aktuelle Bundespräsident?“ Ich will niemanden schockieren, dass die Frage vor den Sommerferien in einem unbedachten Moment noch mit „Frau Merkel“ beantwortet wurde, aber nachdem wir im Februar dieses Jahres genau zu Zeiten des Präsidentenwechsels in Berlin weilten, erinnerte ich sie an unsere kleine Reise. Und so kam es wie es kommen musste: „Herr Wulff“. Auch wenn mein Mann und ich diesen Teilerfolg lobend anmerkten war ihr Hohn und Spott der großen Schwester gewiss. Dass „Herr Gauck“ die richtige Antwort war, wird sie sich hoffentlich als Basiswissen merken (zu hoffen bleibt, dass Herr Gauck uns nun länger erhalten bleibt).

Unsere Tochter hatte zwar die Hausaufgaben insoweit erfüllt, dass wir gemeinsam die Tagesschau angesehen haben, sie sich vier Themen notiert hat, die sie vortragen wollte, aber sich anschließend nicht mehr mit den Inhalten auseinander gesetzt. Bei manchen Themen sind die wenigen Minuten der Tagesschau pro Thema aber nicht ausreichend, um sich Nachfragen stellen zu können und von den ganz großen Themen wie der Euro-Krise und dem Syrien-Konflikt habe ich ihr abgeraten. Themen wie z. B. den Einfluss der Bio-Sprit-Produktion auf die Nahrungsmittelpreise kann sie sich aber selber und damit ihren Mitschülern erklären, wenn sie sich damit noch einmal beschäftigt. Genau dazu fand sie abends keine Zeit / Lust mehr und so ging B. aus dem Haus mit einem unguten Gefühl, die an sich selber gestellten Anforderungen nicht richtig erfüllen zu können und lief mit hängenden Schultern zum Bus.

Ich selber ging ins Büro und werde von den Kindern gelegentlich nach Rückkehr aus der Schule mit Anrufen über die wichtigsten Ereignisse auf dem Laufenden gehalten. Es war gefühlt die erste Handlung der Schülerin, zum Hörer zu greifen und mich anzurufen: die Stimmung war prächtig und zwei Dinge waren passiert:

1. der Lateinlehrer war erkrankt und die Schüler hatten Vertretungsunterricht bei einem anderen Lateinlehrer, der für die Notengebung keine Rolle spielte und

2. der PoWi-Lehrer wurde aus unerklärlichen Gründen getauscht mit einem neuen, jungen, gut aussehenden (?) Lehrer (ich habe nur positive Attribute von B. gehört) der an alle Schüler die Frage stellte, die aus der ganzen Klasse nur unsere Tochter zu beantworten
wusste:

„Wie heißt der aktuelle Bundespräsident?“


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Hundeliebe
(20. September 2012)


 



Nachdem ich meine beiden Töchter vorgestellt habe, möchte ich Euch diesmal mit unserem Hund Susi bekannt machen. Ob es sich um einen wirklich ernst zu nehmenden Hund handelt, ist noch nicht ganz ausdiskutiert. Er wurde uns als Jack Russel Terrier anvertraut, hörte aber recht bald auf zu wachsen und entspricht phänotypisch und vom Charakter der jüngeren Tochter, sehr freundlich, neugierig, unruhig, schlank und etwas klein geraten. Tatsächlich wiegt das Hündchen mit annähernd sechs Kilogramm weniger als eine gut genährte Hauskatze.

Die Erziehung des Hundes blieb wie wohl in den meisten Familien an mir hängen und so hat mich Susi fürchten und auch lieben gelernt. Für sie bin ich wohl das erklärte Alphatier ihres Rudels, zu dem sie aufblickt wenn sie vor die Tür möchte, wenn sie hungrig ist und vor allem, wenn sie sich vor etwas fürchtet.

Die ersten Wochen ihres Lebens verbrachte sie bei einem uns furchteinflößenden Metzger, der sie uns mit lückenhaftem Gebiss lächelnd überreichte. Ich dachte in all meiner Naivität, sie hätte in ihrem Leben fortan nichts mehr zu befürchten und also auch vor nichts mehr Angst. Das war aber ein Irrtum, tatsächlich fürchtet sie sich insbesondere vor lauten und plötzlich auftretenden Geräuschen. Solange die Geräuschquellen ihr fern bleiben, ist alles in Ordnung, beispielsweise ist sie Stammgast bei mir im Bad, wenn ich mir die Haare föne. Wenn nun aber der Staubsauger in Betrieb genommen wird, ist es nicht der Motor, der sie zittern lässt, wohl aber der Saugkopf. Ich habe heimlich meinen Mann in Verdacht, der sich einen Spaß daraus macht, Susi zu erschrecken und ihr mit dem Sauger hinterher fährt, wer weiß, ob er nicht mal das kleine Schwänzchen erwischt hat…. Mindestens so schlimm ist das Knallen, das entsteht, wenn man Plastik-Verpackungs-Material zerdrückt und am meisten fürchtet sie sich, wenn es in der Nacht zu gewittern beginnt. Ihr einziger Ausweg zu überleben ist es, solange vor der Tür zu warten und sich zu melden, bis wir Erbarmen haben und sie in unser Schlafzimmer hereinlassen, so dass sie vor meinem Bett schlafen kann. Der Weg in mein Bett ist ihr unter Androhung von Höchststrafen verboten.

In der vergangenen Woche hatten wir nun unser alljährliches Stadtfest, das, wie es mittlerweile inflationär üblich ist, mit einem "phantastischen" Feuerwerk seinen Höhepunkt und sein Ende findet. Mein Mann blieb zuhause und sowohl beide Töchter als auch ich gingen aus. Gar kein Problem, dachte ich, wenn die Knallerei losgeht, findet Susi Streicheleinheiten und Trost bei meinem Mann.

Susi fand auch, wie erwartet, Zuflucht bei meinem Mann, war jedoch irgendwann verschwunden. Mein Mann dachte sich nichts dabei und widmete sich weiter seinem Hobby, dem Gitarrespielen. Tatsächlich suchte Susi mich wohl in größter Verzweiflung und ist durch die angelehnte Tür in unser Schlafzimmer geschlüpft und ließ sich, weil sie mich nicht finden konnte, auf mein, mir heiliges Kopfkissen nieder und hinterließ mir in höchster Angst einen Vertrauens- und Liebesbeweis der besonderen Art:

einen kleinen aber intensiv riechenden Haufen.