Es gibt Situationen im Leben, da muss man sich entscheiden. Die Vermählung ist Inbegriff eines solchen Zeitpunkts mit binärer Entscheidungsstruktur, ja oder nein?
Die Ausgestaltung derselben bietet aber ein Füllhorn an Möglichkeiten. Neben der obligatorischen, standesamtlichen Trauung kann eine religiöse Vermählung, in unserer Kultur, in der Regel evangelisch oder katholisch angeschlossen werden oder auch nicht. Jetzt ist heutzutage der Trend erkennbar, alles haben zu wollen, auch wenn die persönlichen Überzeugungen nicht ganz mit den Inhalten im Einklang stehen. Standesamtliche Trauung mit der ganz großen Nummer in der Kirche, aber das ganze bitte ohne Religion. Geht das? Ja, mithilfe der konfessionslossen Trauung, zu der sich das Brautpaar eine schöne (neudeutsch) Location und einen ihnen genehmen Hochzeitsredner aussucht.
Am vergangenen Wochenende hatte ich das Vergnügen, diesbezüglich eine weitere Bildungslücke zu schließen und an solch einer Feier teilzunehmen.
Der Beginn war identisch mit dem einer kirchlichen Trauung mit Orgelspiel, dem Einzug des Bräutigams und der Trauzeugen. Als Krönung erschien der Brautvater, der seine wunderschöne, in einem langen, prächtigen, weißen Kleid gekleidete Tochter zum Altar - halt! Natürlich nicht zum Altar, sondern nach vorne zum Bräutigam führte. In diesem Moment standen den geneigten Hochzeitsgästen bereits erste Tränen in den Augen, ach, wie schöööön.
Und dann? Auf die Bühne, ja so ist es am besten beschrieben, trat ein sonoriger Herr mit einer Kladde in der Hand, der sich selber als eine Mischung zwischen Dr. Hirschhausen, Thomas Gottschalk, und Froonk, dem Weddingplaner inszenierte. Nach einigen salbungsvollen Worten stellte er den Hochzeitsgästen das Brautpaar vor, nicht ohne vorher launig in die Runde zu fragen, wer von den Gästen das Brautpaar nicht kenne. Offensichtlich waren alle den beiden oder mindestens einem persönlich bekannt, so dass sich keiner meldete. Das hielt den Hochzeitsredner aber nicht davon ab, seine ihm offensichtlich von der Familie, Freunden oder dem Brautpaar selber zugesteckten Informationen über die beiden Hauptpersonen dem allgemeinen Publikum anzuvertrauen und so staunte ich nicht schlecht, dass in diesem feierlichen Rahmen Details über das Brautpaar ausgeplaudert wurden, die ich sonst nur in der zur späteren Stunde ausgeteilten Hochzeitszeitung erwartet hätte.
Nach einer gesanglichen Einlage aus dem Freundeskreis hob der Festredner zu seiner zweiten Etappe an. Thema des Vortrags war die Reise des Lebens, die die beiden schon zu einem Teil gemeinsam verbracht haben. Mir stellte sich aber die ganze Zeit die Frage: muss ich als Gast wirklich in Original-Zitaten erfahren, wer zuerst geküsst hat (er) und ob es gut war (ja)? Wenn der erste Teil zur Auflockerung der Stimmung zwischen Vorspeise und Hauptgang vorgetragen und mit viel Applaus bedacht worden wär, dann hätte dieser Teil sehr gut zwischen Hauptgang und Dessert gepasst.
Jetzt dachte ich, nach einer halben Stunde, die wir dem humorigen Herrn zuhören durften, wären wir bald an das Ende der Veranstaltung gekommen, sah mich aber getäuscht. Ab diesem Zeitpunkt wechselte der Ersatz-Pfarrer das Fach und wurde ernsthaft und würdevoll (soweit es ihm möglich war). Für die Gäste war es nicht leicht, diesen abrupten Wechsel im gleichen Tempo mitzugehen, die eine Hälfte der Gäste war eben bestens amüsiert, der anderen steckte das Lachen noch im Hals. Vor der eigentlichen Trauungszeremonie mit dem obligatorischen, weil so schön symbolischen, Wechseln der Ringe und dem "Ja-Wort" gab es erneute musikalische Untermalung, die der Referent, schlau wie er war, dazu nutzte, von seiner erhobenen Perspektive mit seiner aus seinem Gewand gezauberten Kamera Fotos des Publikums zu machen, um dem Brautpaar das Hochzeits-Erinnerungsalbum zu füllen.
Es folgte die Trauungszeremonie, die bar jedweder juristischen oder kirchlichen Legitimation eine hübsche Geste war - aber mehr auch nicht. Schließlich, und das brachte mich vollends durcheinander (waren wir nicht aus Überzeugung des Brautpaares in einer nicht-kirchlichen Veranstaltung?) wurde von dem Orator ein von mir nicht näher einzuordnender Segen Gottes ausgesprochen. Immer mit dem Hinweis versehen: jedem nach seinem Glauben. Nach dem Showteil der ersten halben Stunde hatte der "Pfarrer-Look-Alike" jedoch all mein Vertrauen verspielt. Das nicht ahnend und zugleich für ihn wohl auch ohne Belang, schwang er sich jetzt zu schier unerreichbaren Höhen der Spiritualität auf und versuchte, die verblüffte Gemeinde zu einem gemeinsamen "Vater Unser" mitzureißen, dass gleichzeitig den Abschluss der Veranstaltung darstellte.
Privileg des Trauenden ist es, dem Brautpaar als Erster zu gratulieren, schon weil kein anderer nah genug dran ist, und so gratulierte der Zeremonienmeister nach dem sehr weihevoll vorgetragenen "Vater Unser" der Braut und anschließend dem Bräutigam, verbunden mit einem geschmacklosen Kommentar und einem anzüglichen Augenzwinkern in Richtung Braut, schlug er dem Bräutigam jovial auf die Schulter: "Good choice!"
Liebe S., die Geschichte kannte ich zwar schon, habe mich trotzdem köstlich amüsiert. Lg deine alpenstrick
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