Eine meiner größten Sorgen ist es zum Beispiel, ob und wann ich meine nächste Mahlzeit bekommen. Jetzt ist es nicht so, dass ich übermäßig viel esse oder übergewichtig bin, aber die Vorstellung nichts zu Essen zu haben, macht mich schon unruhig, bevor ich überhaupt Hunger verspüre. Sollte sich das Essen dann tatsächlich verzögern, bleibt man mir besser fern. Mit den Jahren habe ich leidlich gelernt damit umzugehen, und so werde ich umso stiller (und gereizter!) je hungriger ich werde.
Vielleicht haben meine Eltern mit ihrer bewusst gewaltfreien Erziehung zur Ausprägung dieser Besorgnisse beigetragen. Die größte je angedrohte Strafe, die mich meiner Erinnerung nach allerdings nie traf aber wie ein Damokles-Schwert über jedem ernsthaften Streit hing, war die Drohung, ohne Abendessen in das Bett geschickt zu werden. Vielleicht hat aber auch die "Aktion Eichhörnchen", die vor meiner Geburt, im Jahr 1961 vom Bundesernährungsministerium ins Leben gerufene Initiative, die Privathaushalte zum Anlegen eines Nahrungsmittel-Notvorrats bewegen sollte, bei mir bleibende Schäden hinterlassen.
Wie auch immer, als kluge Idee schien mir damals, ein kleines Depot anzulegen.
Wenn ich mich heute für längere Reisen organisiere, steht die Verpflegung immer noch an oberster Stelle. Bei einer Autofahrt gilt die Regel: pro angefangener 100 Kilometer eine Portion, bei mehreren Stunden dauernden Zugfahrten packe ich umfassender ein: etwas zu trinken, Obst, Süßes und eine Tüte Chips. Damit bin ich für einen überschaubaren Zeitraum überlebensfähig und kann auch verschiedensten Gefahrensituationen mit klarem Kopf entgegentreten.
Im vergangenen Jahr traf ich mich in München mit Freunden aus dem Studium und wir verabredeten uns für den Abend zum gemeinsamen Kochen. Die Zutaten sollten getrennt voneinander gekauft werden und um 19:00 Uhr war verabredeter Treffpunkt in der Wohnung der Münchnerin. Pünktlich um 18:55 trafen wir uns vor der Haustür, klingelten und schleppten die Tüten in das Haus. Da sich die Wohnung in der zweiten Etage befand und die Tüten samt Getränken schwer und schwerer schienen, riefen wir den Aufzug und staunten nicht schlecht, wie winzig dieser war. Rückblickend würde sagen, trotz verspiegelter Wände, die dem Aufzugfahrer ein Gefühl von unendlicher Weite versuchten zu vermitteln, betrug die Grundfläche nicht mehr als ca. 1 m².
Mit viel gutem Willen und noch mehr guter Laune stiegen wir zu fünf Erwachsenen mit dicken Winterjacken in den Aufzug und drückten auf die "2". Die Tür schloss sich und noch beim Anfahren sah ich aus den Augenwinkeln das Schild:
Aufzug max. 4 Personen.
Natürlich blieben wir stecken und natürlich brauchte der Aufzug-Service eine gefühlte Ewigkeit von einer halben Stunde, bevor wir befreit wurden. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass ich in meiner Vorratshaltung bestätigt wurde und die Stimmung nur Dank des mitgeführten Proviants, insbesondere wohl wegen des Weins, bis zu unserer Rettung aus dem "Gefängnis" grandios war.
Deshalb:
" Denk daran, schaff Vorrat an!"