Montag, 15. Oktober 2012

Guter Rat - Notvorrat

Offensichtlich trage ich aus der Frühzeit der Menschheit noch Ängste mit, die heutzutage nicht mehr wirklich Existenz bedrohend sind:

Eine meiner größten Sorgen ist es zum Beispiel, ob und wann ich meine nächste Mahlzeit bekommen. Jetzt ist es nicht so, dass ich übermäßig viel esse oder übergewichtig bin, aber die Vorstellung nichts zu Essen zu haben, macht mich schon unruhig, bevor ich überhaupt Hunger verspüre. Sollte sich das Essen dann tatsächlich verzögern, bleibt man mir besser fern. Mit den Jahren habe ich leidlich gelernt damit umzugehen, und so werde ich umso stiller (und gereizter!) je hungriger ich werde.

Vielleicht haben meine Eltern mit ihrer bewusst gewaltfreien Erziehung zur Ausprägung dieser Besorgnisse beigetragen. Die größte je angedrohte Strafe, die mich meiner Erinnerung nach allerdings nie traf aber wie ein Damokles-Schwert über jedem ernsthaften Streit hing, war die Drohung, ohne Abendessen in das Bett geschickt zu werden. Vielleicht hat aber auch die "Aktion Eichhörnchen", die vor meiner Geburt, im Jahr 1961 vom Bundesernährungsministerium ins Leben gerufene Initiative, die Privathaushalte zum Anlegen eines Nahrungsmittel-Notvorrats bewegen sollte, bei mir bleibende Schäden hinterlassen. 

Wie auch immer, als kluge Idee schien mir damals, ein kleines Depot anzulegen.

Wenn also Gäste zu Besuch kamen und uns fünf Geschwistern Schokoriegel, eine Tüte Bonbons oder Gummibärchen mitbrachten, wurde diese in fünf Häufchen aufgeteilt und die mir zugeteilte Ration verschwand in einer umfunktionierten orange/gelb/braunen Tchibo-Kaffevorratsdose mit Plexiglas-Sichtfenster. Mit der Zeit waren zwei Dosen gefüllt und gleichzeitig mein Geheimversteck unter den Geschwistern bekannt. Das Ergebnis kann sich jeder denken, ich steckte bei jeder sich bietenden Gelegenheit mehr hinein und etwa mit der gleichen Geschwindigkeit verschwanden die alten Reserven. Da die Höhe des Lagerbestands in etwa gleich blieb, störte mich dieser Umstand nicht, schließlich schmeckten mir zu Stein gewordene Gummibärchen und Schokolade, die zulange neben Kaugummistreifen lag sowieso nicht mehr.

Wenn ich mich heute für längere Reisen organisiere, steht die Verpflegung immer noch an oberster Stelle. Bei einer Autofahrt gilt die Regel: pro angefangener 100 Kilometer eine Portion, bei mehreren Stunden dauernden Zugfahrten packe ich umfassender ein: etwas zu trinken, Obst, Süßes und eine Tüte Chips. Damit bin ich für einen überschaubaren Zeitraum überlebensfähig und kann auch verschiedensten Gefahrensituationen mit klarem Kopf entgegentreten.

Im vergangenen Jahr traf ich mich in München mit Freunden aus dem Studium und wir verabredeten uns für den Abend zum gemeinsamen Kochen. Die Zutaten sollten getrennt voneinander gekauft werden und um 19:00 Uhr war verabredeter Treffpunkt in der Wohnung der Münchnerin. Pünktlich um 18:55 trafen wir uns vor der Haustür, klingelten und schleppten die Tüten in das Haus. Da sich die Wohnung in der zweiten Etage befand und die Tüten samt Getränken schwer und schwerer schienen, riefen wir den Aufzug und staunten nicht schlecht, wie winzig dieser war. Rückblickend würde sagen, trotz verspiegelter Wände, die dem Aufzugfahrer ein Gefühl von unendlicher Weite versuchten zu vermitteln, betrug die Grundfläche  nicht mehr als ca. 1 m².

Mit viel gutem Willen und noch mehr guter Laune stiegen wir zu fünf Erwachsenen mit dicken Winterjacken in den Aufzug und drückten auf die "2". Die Tür schloss sich und noch beim Anfahren sah ich aus den Augenwinkeln das Schild:

Aufzug max. 4 Personen.

Natürlich blieben wir stecken und natürlich brauchte der Aufzug-Service eine gefühlte Ewigkeit von einer halben Stunde, bevor wir befreit wurden. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass ich in meiner Vorratshaltung bestätigt wurde und die Stimmung nur Dank des mitgeführten Proviants, insbesondere wohl wegen des Weins, bis zu unserer Rettung aus dem "Gefängnis" grandios war.

Deshalb:
" Denk daran, schaff Vorrat an!"

Donnerstag, 4. Oktober 2012

Joggen für Anfänger



Seit Frühjahr diesen Jahres jogge ich. Kunststück, werden Sie denken, das mach ich doch schon seit Langem. Das glaube ich Ihnen, tatsächlich ist seit den Siebzigern, als sich diese Sportart magischer Weise vom einfachen Dauerlauf in einen stylischen Outdoor-Sport verwandelte, die Zahl der Jogger um ein vielfaches gestiegen und die einem auf Schritt und Tritt begegenden Läufer sind inzwischen das herumlaufende schlechte Gewissen der Nichtläufer.

Aber ich komme aus dem Münsterland und bin deshalb schon genetisch nicht darauf programmiert, längere Strecken laufend zu überwinden. Im Münsterland bezwingt man Strecken über 50 Meter nicht zu Fuß sondern Fahrrad fahrend. Warum, in aller Welt, soll ich auch für den Weg zu einem beispielsweise zwei Kilometer entfernten Ziel eine viertel Stunde einplanen, wenn ich dasselbe Ergebnis auch in fünf Minuten erzielen kann. Sollten Anstiege auf der Strecke liegen, im Münsterland sicherlich nur eingeschränkt vorhanden, mag die Fahrt in einer Richtung zwar mit leicht erhöhter Anstrengung verbunden sein, ist aber schon durch die Vorstellung auf das mühelose Dahinrollen auf der Abwärtsstrecke jede Mühe wert.

Mittlerweile habe ich aber gelernt, dass der Körper nur durch Bewegung beweglich gehalten werden kann, hört, hört, welch Aphorismus! Deshalb habe ich mir ein paar Turnschuhe gekauft, meine alten Sportsachen ganz hinten aus dem Schrank gekramt und damit gestartet, den allmorgendlichen Brötchenkauf mit einer Runde Laufen zu kombinieren.

Ich staune, wie viele Laufkollegen ich morgens antreffe, die statt im gemütlichen Bett zu bleiben, sich wie ich aus den warmen Decken quälen und in Dunkelheit eine Fitnesseinheit absolvieren.

Trainingsziel und größte Motivation weiter zu machen, ist der stattfindende Stadtlauf in 14 Tagen, an dem ich meiner Freundin die Teilnahme am 5 Kilometerlauf zugesagt habe und mich nicht vollends blamieren möchte. Schließlich beginnt 45 Min. nach meiner Startzeit der Lauf über 10 Kilometer, spätestens dann muss ich da sein, egal wie!

Dank der modernen Technik habe ich nun ein Trainingsprogramm auf meinem Smartphone, das mich nicht nur lobt und motiviert, wenn ich mehr als zwei Trainingseinheiten pro Woche absolviert habe und mir jeden Kilometer den aktuellen Zwischenstand meldet, sondern auch selbstständig aktiv wird und mich zwischendurch, quasi aus dem Nichts heraus, in Angst und Schrecken versetzt, weil plötzlicher Applaus verbunden mit Anfeuerungsrufen einsetzt.

Mithilfe der Zusatzoption "automatisches Beenden", die die Zeitmessung unmittelbar unterbricht, sobald das GPS-Signal keine messbare Veränderung mehr sendet, verliere ich bei (un-)freiwilligen Pausen, bspw. vor roten Ampeln oder wenn ich kurz vor dem Zusammenbruch bin, nicht einmal mehr wertvolle Sekunden, sondern erhalte als Ergebnis die "phantastische" Nettozeit von ca. 33 Minuten.

Bei meinem letzten Lauf hat mir das Programm allerdings mehr als deutlich meinen nur kläglichen Trainingszustand vor Augen geführt, als ich den abschließenden Anstieg mit all meiner verfügbaren Kraft, hochrotem Kopf, schnaufend und den Blick starr auf den Boden gerichtet, bezwang und unvermittelt die Ansage kam:

"Aktivität wurde automatisch pausiert". 

Dienstag, 2. Oktober 2012

In der Ruhe liegt die Kraft

Im geschäftlichen Umgang mit Monopolisten muss man sich mit Unbequemlichkeiten arrangieren, auch wenn man glaubt, dass das Mantra der Kundenorientierung auch die letzte Unternehmensstrategie erreicht hat. Aber Papier ist eben geduldig und die Umsetzung fällt schwer. 

Zum Beispiel ist der Einkauf von Briefmarken mit größeren Hürden verbunden als es das Ergebnis rechtfertigt. Jedes Mal wenn ich in der langen Schlange stehe, kann ich sicher sein, dass sich diese ganz munter vorwärts bewegt, bis ich kurz davor bin, an der Reihe zu sein. Schon wenn ich jemanden vor mir mit dem gefürchteten gelben Abholzettel sehe, schicke ich ein kurzes Stoßgebet gen Himmel, dass der bemühte Post-Schalterbeamte das Päckchen vor einer viertel Stunde aus dem offenbar optimierungsfähigen Hinterraum hervorzaubert. 


Schlimmer als das sind die Bankgeschäfte, die vorzugsweise von Kunden nach Erreichen der Pensionsgrenze aus alter Tradition bei der Post getätigt werden. Auch Mitbürger mit Migrationshintergrund und zum Teil nicht verhandlungssicheren Sprachkenntnissen schätzen die staatenübergreifenden Möglichkeiten der Postbank. Beiden gemeinsam ist die Tatsache, dass eine Beratung sich über einen Zeitraum hinzieht, in dem ich eine ganze Rolle Briefmarken kaufen und verkleben könnte.

Die am meisten gefürchteten Kunden sind mir aber diejenigen, die ganz harmlos scheinen und vielleicht auch nur Briefmarken kaufen wollen. Zum Abschluss des zweiminütigen Handelsgeschäfts fragt der, wohl von Provisionen geleitete Beamte nach dem Interesse an einem Stromanbieterwechsel und das war´s dann mit meiner Mittagpause.

Ähnliche Erlebnisse kann man bei dem Kauf von Fahrkarten der Deutschen Bahn sammeln, weshalb ich, seitdem es möglich ist, die Situation versuche zu vermeiden, indem ich das Online-Angebot der Bahn nutze. Wenn ich alleine reise, schätze ich die Bahn als Alternative zum Auto. Gerne setze ich mich mit einem Buch, einer aktuellen Zeitung, einem im Bahnhof gekauften, frischen Gebäckstück auf meinen Platz und lasse mir einen heißen Kaffee bringen (bei den Ansprüchen an die Qualität des Kaffees bin ich großzügig, es geht mir mehr um das Ambiente). Bei besonders langen Fahrten, gehe ich gerne auch mal zum Café und zurück.

Im Sommer hatte ich eine kurze Städtereise von Frankfurt nach Prag geplant. Die angebotene Fahrt mit einem Gruppenreisebus wollte ich allerdings vermeiden. Neben der Vorstellung von den Platzreihen, die enger aneinander stehen als in einem Ryan-Air-Flugzeug, der Lautstärke von Belanglosigkeiten schwätzenden Nachbarn, und den ständigen Pausen auf dreckigen Rastplätzen erschien mir eine Zugreise mit dem ICE schon an sich wie ein Wellness-Urlaub.

Da ich nicht wirklich oft mit der Bahn fahre, aber regelmäßig online buche, fühlte ich mich sicher, das auch schnell mal zwischendurch zu erledigen. Kein Problem, ich wusste ungefähr, wann ich ankommen und wieder zurückfahren wollte, ein klarer Fall für ein Online-Ticket, das frühzeitig gebucht, auch preislich unschlagbar ist. Starteingabe, Zieleingabe, Datum, Uhrzeit, alles schnell erledigt. Das Angebot, einmal in Nürnberg umzusteigen hielt ich für vertretbar, Reservierung für eine Person? Nein, danke, nicht nötig. Gerne Abteil mit Handyanschluss.

Die Rückmeldung kam so prompt wie unerwartet, ab Nürnberg bis Prag ist eine Reservierung verpflichtend. Na gut, auch wenn ich das für eine Person für übervorsichtig halte, folgte ich der Aufforderung und bat um eine Reservierung, wer weiß, was die tschechische Bahn für Anforderungen an die ICE-Verbindung, also die schnellsten unter den Zügen hatte. Da ich mich bei der Buchung etwas in Eile befand, bestätigte ich auch die Option "Großraumabteil", dabei immer mit dem guten Gefühl, wieder ein offenes To-Do erledigt zu haben.

Beim Ausdruck des Tickets, einige Tage später, wurde mir alles klar:

Es gibt gar keine ICE-Bahnverbindung nach Prag! Ich hatte den ICE-Express-Bus der Bahn gebucht : /


Zur Ehrenrettung der Bahn sei angefügt, dass der Bus sehr großzügig bestuhlt war und kaum belegt, sodass jeder Fahrgast einen Doppelsitz belegen konnte und sich Gespräche schon alleine durch die fehlenden Nachbarn ausschlossen. Durch eine On-Board-Hygiene-Zelle, zu der ich mangels Zutrauen nichts sagen kann, wurde auf der gesamten Fahrt kein Zwischenstopp eingelegt. Während der Fahrt kam die Busbegleiterin und fragte mehrmals nach Wünschen, sodass ich auch einen Kaffee zu mir nehmen konnte, der den Vergleich mit den Getränken aus den Zügen nicht scheuen musste, er war ebenso schlecht.